Sonntag, 30. Juli 2017

Anderswo ist auch schön

Manchmal lese ich den Blog von Claudi, den ihr hier findet, und dann öffne ich nach ein paar Posts hektisch ein neues Fenster in Safari und mache mich auf die Suche nach alten Bauernhäusern im Hamburger Umland. Dann träume ich von einem Leben voller Strohhüte und zauberhafter Deko, von selbstgemachten und jahreszeitlich angepassten Kränzen an einer alten Holztür und von blonden Kindern, die barfüßig und glücklich durch Blumenwiesen streifen. So müsste man leben! Mit DIY-Projekten, mit Bollerwagen und mit viel viel Liebe, die man sehen kann. Die blonden Kinder habe ich, aber DIY und Blumenwiesen? Nö, und die Liebe muss man sich oberflächlich betrachtet bei uns einfach dazudenken.

Und dann muss ich mich kurz schütteln und mir mit fester Stimme sagen: Ja, das ist alles wunderwunderschön. Aber eben für Claudi, nicht für dich. Denn du hältst ja noch nicht mal ein paar Balkonkräuter über mehr als zwei Monate am Leben. Du hast überhaupt keinen Nerv für Basteln und Deko, und Kränze flechten kommt gleich gar nicht in Frage. Als nächstes kaufst Du Dir eine Nähmaschine und nähst deinen Zeigefinger an ein Stück hübsch gemusterte Baumwolle, oder wie? Dabei ist es noch nicht mal nur so, dass das alles aus rein weltanschaulichen Gründen nicht geht. Sondern es passt einfach nicht zu deinem Charakter. Du schleuderst nach zwei Minuten entnervt jeden Prittstift in die Ecke, dem müssen wir ins Auge sehen, ohne zu blinzeln. Und alle schönen Phantasien von einem anderen Leben für eine andere Flora sind eben das: schöne Phantasien. Genau so gut könntest Du von einem Leben mit 100 Objekten träumen, Zahnbürste und Schilddrüsentablettenpackung eingeschlossen. Oder von einem Leben als buddhistische Nonne, wie diese unglaublich tolle Köchin, die gerade bei Chef’s Table vorgestellt wurde. Oder von einer Einsiedlerhütte in den Alpen, einem Platz an der Seite eines europäischen Thronfolgers oder einem Job als Bordbloggerin auf einem Luxuskreuzfahrtschiff. Es kommt vor, dass Du aus einer Laune und einem ruhigen Moment heraus etwas dekorierst. Das hält dann ungefähr zwei Stunden, bis es dank der Kinder in Schutt und Asche liegt, und noch nie warst Du geistesgegenwärtig genug, ein Foto davon zu machen und es im Internet zu posten.

Von Andreas Dorau gibt es ein sehr gutes Lied, das heißt “so beeinflussbar”. Zeig mir etwas, und ich will es auch oder glaube zumindest für eine ganze Weile, mein Leben, ach was, ICH wäre besser, wenn es bei mir auch so wäre. So wird man nicht glücklich, das ist mir schon klar! So kommt man nie irgendwo an und gut ist, so kann man keine stringenten Pläne schmieden und umsetzen. Man kann nicht ständig denken, so mache ich das, aber vielleicht auch genau anders.

Sprecht mir nicht von der dollen Belastung durch drei Kleinkinder, DAMIT muss man erst mal leben! Experten nennen das Fusselhirn.

Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, Identität ist eigentlich wie dieses altmodische Glücksrad-Spiel, man dreht kräftig am Rad, und wo es einrastet - warum auch immer - da bleibt man dann eben ein Leben lang. Bzw. Jahre. Bzw. Minuten.

Inzwischen kommen die Abende zurück. Es ist noch gar nicht lange her, da war ich um acht im Bett. Manchmal auch um sieben! Um sieben muss Michel seine Klumpfuß-Schiene anziehen, damit wir 12 Stunden schaffen, danach beginnt das (leider inzwischen manchmal zweistündige, doch davon ein andermal) Ins-Bett-geh-Ritual, das ich gerne in großen Teilen L. überlasse, und noch vor vielleicht sechs Wochen habe ich an manchen Abenden die letzte Klumpfußschuh-Schnalle geschlossen, den Reißverschluss seines Schlafsacks zugezogen (damit er nicht auf die Idee kommt, die Schuhe mitten in der Nacht wieder auszuziehen und so den schönen orthopädischen Plan zu unterminieren) und bin direkt und ohne Zwischenstopp ins Bett verschwunden. Jetzt wird es manchmal 21:45, ich sitze mit Rechner und Mucke am Küchentisch, und weil da so schön ist, bleibe ich wohl noch ein Weilchen und denke über mein Leben nach, in dem die Milch nicht aus handbeschrifteten Milchflaschen kommt, sondern aus wabbeligen Tüten, bei denen man oben so eine kleine Ecke abreißen muss und die ein kleines Schlauchboot-Element haben, damit sie nicht einfach in sich zusammensacken. Großstadt, Yeah! 2017, Yippie! Futuristische Verpackungen, rockt on!

Sonntag, 2. Juli 2017

Die Ent-Kalle-Blomquistisierung Eppendorfs

Gestern war ich mit den Jungs in einem Schwimmbad, das um die Ecke liegt. Dort gibt es einen gut abgetrennten Bereich mit einem lauwarmen, flachen Planschbecken. Die Idee war, dass sie dort ein paar Stunden mit anderen Kleinkindern spielen, im flachen Wasser herumpaddeln, ein paar Fritten essen und dann abends todmüde in die Bettchen fallen. Hat auch alles so weit geklappt, bis auf das mit den anderen Kindern. Und bei dieser Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass das in letzter Zeit ziemlich oft so läuft.

Ich hoffe nicht, dass es daran liegt, dass unsere Jungs zwei angehende Kirmesschläger sind, vor denen anderen Kinder dringend beschützt werden müssen. Aber auf Spielplätzen oder gestern in diesem Schwimmbad kriegen sie eigentlich ständig eins vor den Latz. Gestern hat Kalle z.B. einen anderen, etwas größeren Jungen mit ein bisschen Wasser bespritzt. Kein dicker Schwall, auch kein Eimerchen voll, nur ein paar Wassertropfen. Das hat er aber nur einmal gemacht, denn dann stand sofort die Mutter dieses Jungen vor ihm und keifte ihn zusammen, was das denn sollte, hier wären noch andere Kinder, er sollte sich mal benehmen. Ich gab zu Bedenken, das wäre doch hier ein Planschbecken, immerhin, aber erntete nur einen ziemlich ranzigen Seitenblick, bevor sich die Mutter zurückzog, um unter vielen weiteren Seitenblicken einer anderen Mutter Bericht zu erstatten. Wieder eine andere Mutter schwamm hinter ihrer kleinen Tochter her und spielte, sie sei ein Hai. Als Michel das lustig fand und auch hinter ihrer Tochter herschwamm, wurde er ruckzuck aus dem Verkehr gezogen. So ging das eigentlich die ganze Zeit. Es ist nicht so, dass ich mich vollkommen aus allem rausnehmen würde. Wenn eins meiner Kinder ein anderes schlägt, an den Haaren zieht, beißt oder untertunkt, dann donnere ich dazwischen wie nichts Gutes. Aber spritzen? Ein bisschen ärgern? Schief angucken? Ist das wirklich schon so schlimm? Und ist es nicht sogar so, dass die Knirpse eine Menge dabei lernen, wenn sie solche Dinge unter sich ausmachen, statt gleich die höhere Instanz alles regeln zu lassen?

Gar nicht weit von uns ist der Innocentiapark, da gibt es einen Matschbrunnen. Man sollte nicht glauben, wie viele Kinder da spielen, die sich AUF GAR KEINEN FALL schmutzig machen dürfen oder wollen, erst Recht nicht, wenn ein anderes Kind irgendwie daran Anteil hat. In einem Fort hört man Kinder solche Sachen sagen wie “Die da hat meine Schüppe genommen, Menno” oder auch “Der Johannes hat sich die Schuhe ganz nass gemacht, obwohl er nicht durfte, hast du doch gesagt!”
So gut wie nie hört man dagegen den Satz “Petze, Petze, ging in' Laden”.
Und dann kommen die großen Jungs, die sich sofort zu CEOs des Matschbrunnens aufschwingen. Große Bereiche werden für alle anderen Kinder gesperrt, ab sofort bekommt nur noch Wasser, wer ihnen gefällt, und wehe, irgendwer grätscht in ihr aufgeblasenes und langweiliges Staudamm-Projekt rein. Wir sind ja nicht zum Spaß hier! Auch die haben dann Mütter, die ihnen notfalls das Geraffe vom Hals halten.
Was sind denn das für Kinder? Als Kind hätte ich die alle doof gefunden.

Und ich wollte doch, dass meine Jungs halbnackt und total verdreckt durchs Unterholz rennen und auf Bäume klettern und mit Matsch werfen und ihre kleinen Kriege austragen und das Kinderleben in vollen Zügen genießen! Was die Bullerbü-mäßige Deko angeht, sind die Hamburger Mütter da immer noch voll dafür. Nur eben bitte nicht in echt.

Und wenn wir doch aufs Land ziehen? Nicht, dass das da genau so schlimm ist?

Sind die alle doof hier.